Copyright: Malte Brekenfeld

Malte Brekenfeld – Atlanisrotbarsche

Öl auf Leinwand, 2018. Maße 95 x 178 cm, Auflage: Unikat.

Eröffnungsrede zur Ausstellung
Grüne Engel kreuzen meine wirre Stirn
am 23. September 2016 in der Galerie AURIGA, Rostock
von Mathias Goldberg

Wer von Ihnen, meine Damen und Herren, kennt dieses Zitat: „Grüne Engel kreuzen meine wirre Stirn“? Künstler lieben Zitate. Ist es ein Zitat? Und wenn ja, von wem? Zuerst hatte ich Arno Schmidt in Verdacht, dessen literarisches Werk eine Inspirationsquelle für Malte Brekenfeld ist. Ich begab mich auf die Suche nach der Zitatquelle und verwendete eindeutige Suchbegriffe: „grüne – Engel – kreuzen – meine – wirre – Stirn“ – und „Arno Schmidt“. Ein bisschen Öko-Esoterik und Rezensionen zu Arno Schmidts „Mein Herz gehört dem Kopf“ – das wird für eine Rede nicht reichen.

Um „Zettel’s Traum“, das 1334-seitige, dreispaltige DIN-A3-querseitige, acht Bücher umfassende monumentale Hauptwerk Arno Schmidts, zu lesen, war es zu spät … und erst recht, um daraus verbale Rückschlüsse für die Rede zur Ausstellungseröffnung mit dem Titel „Grüne Engel kreuzen meine wirre Stirn“ zu ziehen. Was sollte ich tun, schließlich hatte ich behauptet, eine Rede zur Ausstellungseröffnung des Künstlers Malte Brekenfeld liefern zu können. Ich versuchte es auf spielerische Art und konterkarierte den Ausstellungstitel mit Hilfe der sprachlichen Spiegelung.
Also tippe ich in die Tastatur die Suchanfrage: „rote Teufel streifen deinen klaren Blick“, ohne Autor. Abgesehen von vielen unbrauchbaren, meist kommerziellen Verlinkungen fand ich einen Artikel über surrealistische Literatur. Die Freude war groß, denn der Abstand zu den gesuchten Worten für die Bilderwelt des Malte Brekenfeld verringerte sich.
Ich entnahm dem Artikel die Definition für das Wort ‚Schönheit‘, um Mehrdeutigkeiten zu vermeiden. Ein sehr wichtiger Begriff, um sich der Anziehungskraft von Malte Brekenfelds Bildern bewusst zu werden. Die Surrealisten benutzten eine Metapher für den Begriff ‚schön‘ und entliehen diese den „Gesängen des Maldoror“, dem verbotensten Buch des 19. Jahrhunderts des französischen Dichters Comte de Lautréamont. Ich zitiere: „Schön ist vor allem die unvermutete Begegnung einer Nähmaschine und eines Regenschirms auf einem Seziertisch.“

Der von Malte Brekenfeld geschätzte surrealistische Maler Max Ernst variierte diesen oft zitierten Satz wie folgt: „Collage-Technik ist die systematische Ausbeutung des zufällig oder künstlich provozierten Zusammentreffens von zwei oder mehr wesensfremden Realitäten auf einer augenscheinlich dazu ungeeigneten Ebene – und der Funken Poesie, welcher bei der Annäherung dieser Realitäten überspringt.“
Es wurde und wird heute und in Zukunft noch viel mehr zu den Arbeiten und dem Arbeitsprozess des Künstlers Malte Brekenfelds gesagt werden. In diesem Zitat aber steckt der Kern. Denn: Das Auswählen und Verwenden von Zitaten gleicht der Collage-Technik, der sich Malte Brekenfeld sowohl inhaltlich als oft auch als bildnerisches Mittel bedient. Die Poesie trägt die Bildidee dabei von Blatt zu Blatt, der Künstler nimmt uns mit auf einen Spaziergang, er wählt intuitiv den Weg, denn er hat Vertrauen in seine Instinkte. Und so erklärt er uns die Welt, seine Welt.

Am Anfang steht oder liegt ein unbefleckter Bogen weißen Büttenpapiers. Die Angst des akademischen Malers vor der großen weißen Fläche kennt der Spieler nicht. Spielen kann man nur, wenn man frei ist. Das Spiel hat Regeln. Die weißen Flächen werden konzeptlos mit farbigen Pigmenten eingewässert und beiseitegeschoben – zum Trocknen vielleicht – mitunter greift der Angler zum wertvoll gebleichten Bütten, um die Beute zu zerteilen in Vorfreude auf die nächste Spielrunde, die da heißt: ‚Hide and Seek‘ oder ‚Räuber und Gendarm‘.
Nun setzt sich der Brekenfeld’sche Katalysator in Gang: Zitate werden manipuliert, Behauptungen aufgestellt und Köder ausgelegt – der Künstler befindet sich, zusammen mit Werkzeug und Materie, im Prozess. Es gibt vielleicht das Stadium einer Bildidee. Es gibt jedoch kein fertiges Bild, schon gar kein halbfertiges Bild, auch keinen inhaltlichen Überbau. Es gibt in diesem Stadium nur den Prozess und die Liebe des Kunstmalers zu seinem Beruf, denn sein Beruf ist das Spiel. Er greift in das Füllhorn der unbegrenzten Mittel und Werkzeuge, er endoskopiert den wässrigen, fischblutigen Malgrund, diagnostiziert und klassifiziert. Das Blatt füllt sich mit Figuren, Szenerien, Flora, Fauna, Fleisch, Hackebeilchen, Vulven, wollüstigen Apparaturen, am Strand spazierenden Bunnyfuckers, Ein- und Zweizellern bis hin zu komplexen Organismen und Rolli und Stephanie an der Hand des Astronauten durch den Garten der Lüste …

In diesem Zustand wird Malte Brekenfeld ein Alchemist. Wie auf einem Zeitstrahl reitend mixt er mittelalterliche Bildsprache mit den karikativen Figuren des Dadaismus, die schrillen Posen des deutschen Expressionismus mit den poppigen Zitaten des Heute und setzt dies bizarr in Szene. Er kontrastiert die bildnerischen Mittel und trickst sie gegeneinander aus. Anatomisch genau ausformulierte organische Cluster mit dem Hang zum Hyperrealismus setzt er gekonnt gegen radikal abstrakte Farbfelder, heute zu sehen im Werk „Die Paradiesauswahlkommission“. Aber auch der Farbauftrag aus der Tube oder Farbe als Klebstoff contra Tattoos auf porzellanener Haut mit einem drei-haarigen Pinsel aufgetragen, wie man sie von seinen Tattoo-Kings kennt – engelsgleich und dämonisch irre. Herr, hilf! Und lass die grünen Engel seine verwirrte Stirn kreuzen!

Malte Brekenfeld scheint das ganze Welttheater in sich zu vereinen: Zitate, Texte, Begegnungen, Gespräche und politisches Tagesgeschehen werden zu einer Fabel zusammengemixt und spiegeln hintergründig die Welt wieder, in der wir leben. Der sich selbst und unbewusst arrangierende Nebenschauplatz überrascht selbst den Künstler im Schaffensprozess.
Wer lässt sich nicht gerne überraschen? Malte liebt diesen Prozess: genüsslich einen Köder auswählen, diesen in einen brodelnden Teich an einer unsichtbaren Kette versenken und mit Spannung auf die Beute lauern, um währenddessen „Zettel’s Traum“ zu lesen. Er denkt sich eine Vielzahl von Kniffen aus, um den Fisch zu manipulieren und zu fangen. Aber man muss gewissenhaft vorgehen, denn es sind hunderte verschiedene Köder für eine einzige Fischart möglich.
Aus dem Medium Malte Brekenfeld sprudelt es nur so heraus, da all seine Kanäle geöffnet sind. Die Informationen zur Bildidee werden aus der Inspirationsquelle der Welt des Wassers, der Fische, Seefahrer und Nixen gespeist. Hat er alles abgefischt, ist es wiederum wandelbar und mehrdeutig.

Meine Damen und Herren, schauen Sie sich die Bilderwelt von Malte Brekenfeld heute an und seien Sie sich einer Sache gewiss: Diese Mixtur wirkt, egal welcher Diagnose Sie hinterherlaufen. Beim Betrachten werden Sie wirklichkeitsentrückt, Nebenwirkungen wie Halluzinationen stellen sich ein – und für die Bildersucht ist die beste Grundlage hergestellt.
Malte Brekenfeld ist ein begnadeter 2-D-Entertainer. Alle warten immer auf die nächste Ausgabe, auf die nächste Folge, die nächste Staffel, Bild für Bild für Bild hält Malte seine Fans in Spannung, dabei bleibt er sich treu, er kann nicht anders. Die Vorherbestimmung treibt ihn von einer Zeremonie in die nächste.
Die Bildobjekte sind zu eigen gemachte Zitate aus ‚Maltes Enzyklopädie der Weltanschauungsberatung‘. Diese Objekte sind die Nachkommenschaft, das Vermögen des Künstlers. Diese Objekte tragen Namen, jedes Baby bekommt einen Namen. Kein Bild verlässt das Atelier ohne einen ausgemachten Titel mit epischer Breite und literarischem Credo als Ausrufezeichen hinter dem Dargestellten. Niemals gibt es ein ‚o.T.‘-Bild!

Heute stehen folgende Bildobjekte zum Erwerb:
„Die Glückseligen im Schweiße der Berge“ – eine Landschaftsbeschreibung à la Rousseau mit wollüstiger Szenerie zwischen Bunkeranlagen und gespreizten Oberschenkeln am Wasserfall.
„Der Van-Gogh-Clown“ – die Lilie als Symbol für Erlösung und Reinheit, die Blume der Geburt, aber auch Todesblume; das abgeschnittene Ohr hängt als Kette um den Hals, der Wundverband aus Dynamitstangen, der Spaßmacher mit teilnahmslosem Blick.
„Der Schwanenfreund“ – wer sieht hier den Freund? Wo hat sich der Schwanenfreund versteckt? Der Titel als Angebot einen Seitenweg zu beschreiten: Bitte haben Sie keine Angst, meine Damen und Herren, der Künstler öffnet Ihnen auch in einer Sackgasse eine Hintertür.
„Die Paradiesaufnahmekommission“ – stilistisch eine großartige Begegnung des Informel-Künstlers Emil Schumacher mit dem Surrealisten Salvador Dalí.

Bevor Sie sich jetzt den einzelnen Bildern zuwenden, möchte ich Sie darauf aufmerksam machen, dass die Listen mit den Preisen bereits ausliegen. Ich sage das deswegen, weil ich Ihnen aus meiner Erfahrung als Galerist, Kunsthändler und Sammler einen Rat mitgeben möchte: Wenn Sie ein Bild gefunden haben – besser: wenn ein Bild Sie gefunden hat – nehmen Sie bitte Kontakt zu den beiden Galeristen Florian oder Marcus Fuhrmann auf. Es ist mitunter quälend, wenn Sie dann wieder zu Hause sind und Ihnen das Bild nicht mehr aus dem Kopf geht, Sie kommen vielleicht ein paar Tage später erwartungsvoll in die Galerie und … es ist bereits verkauft.
Die Sammlung der „sehr kleinen Engel“ besteht immer aus einer Gruppe von fünf Engeln. Es ist ein neues offenes Projekt von Malte Brekenfeld. Wir leben in einer Welt, in der man gar nicht genug Engel haben kann. Es geht also eine Aufforderung auch an den Künstler: Wir brauchen mehr Engel!
In der Hoffnung, dass Malte für den heutigen Abend ausreichend Engel mitgebracht hat, bedanke ich mich bei Ihnen für Ihr Gehör.